Über mich

Birgit Entenmann setzt sich in hinterfragenden Text-Bild-Aussagen mit dem Menschen und seinem Umfeld auseinander. Ihr großformatig inszeniertes „Spielfeld“ lehnt sich an das Gesellschaftsspiel Monopoly an. Unsere Welt orientiert sich an Wirtschaftlichkeit und Kapital. Über Informationsfelder und Anweisungen wird der heranwachsende Mensch in die Ordnungen eingewiesen. Da ist zum Beispiel ein Spielplatz vorübergehend geschlossen. Im unteren Mittelfeld verdichten sich die Passbild-gesichter von jungen Menschen (Studenten), deren Reihungen zur Bildmitte hin lichter werden bis hin zur Vereinzelung und Auflösung. Die anfänglichen Ideale der Studienzeit verschwinden mit dem Bewusstsein in der realen Arbeitswelt und ihren vielfältigen Pflichten Teil der Gesellschaft  und ihren Normen zu werden. Man kann das auch immer wieder an den Lebensläufen unserer Politiker festmachen.

Strebt man nach Kompetenz und /oder Macht? .....

Birgit Entenmann arbeitet mit der Nitrofrottage, um fotografische Abbildungen auf die Bildoberfläche zu übertragen. Sie werden aber sehr häufig wieder übermalt, so dass trotz eines flächig angeordneten Bildgefüges räumliche Tiefe und Transparenz entstehen. Ihre Farbpalette ist kühl und distanziert. Mit Tempera- und Acrylfarben lasiert sie matt, tonig-transparent, um den fragil-gläsernen Zustand dieser Welt zu charakterisieren. Ihre bildnerischen Stilmittel greifen zeitgenössisches Leben kritisch auf und binden es subtil in Reflexionsebenen ein, um die es Birgit Entenmann letztendlich geht.

Dr. Monika Rudolph Stgt.  2003

 

Birgit Entenmanns’ Werkgruppe zu der Erde verharrt weniger im satten Braun, sondern mehr im ephemeren Blau, einer Beruhigung und Vertiefung in sich selbst als Farbmaterialität und gewichtiger Bildteil. Im ersten Bild schlägt sie in einer  von links unten nach rechts oben aufsteigenden Diagonale, eine blutrote Schneise oder Wunde in das eisgraue und Verletzte Land. Ein melancholisches Graublau liegt über einer Landschaft, die Ruinen in sich trägt, ein Amphitheater, Straßen, Hausgrundrisse, Stadtmauern alles zugedeckt von einer graublauen Staubschicht und über diesem in seiner Düsternis Verlassenen Land, so der Titel steht in dichten Wolkenzügen ein fahles Licht am Himmel. Die Fortsetzung findet sich in einem, ebenfalls dem melancholischen Blau zugeordneten Bild, das in seiner Mitte aufgeschichtete Formen in einer Art eines Mauerverbunds erahnen lässt, darüber der obere Rand eines Lichtrings auftaucht und Vermutungen freisetzt, die Birgit Entenmann im Ungefähren einer Ortlosigkeit, einer Art von displacement belässt, in der es schwer ist, sich aufzuhalten und einen Ort zu finden, wobei das griechische Wort ethos ursprünglich Ort und Aufenthalt bedeutete, um erst im Laufe der Zeit dann zu der Vorstellung von Ethos und Ethik zu gelangen. In der Gegenbewegung zu dieser Welt verletzter Erdräume setzt Birgit Entenmann inhaltlich und formal auf die virtuelle Welt der Simulation und einer sich daraus ableitenden Form von Hyperrealität, wie dies in dem ganz in Grüntönen gehltenen Bild zu sehen ist, in dessen Mitte das Antlitz eines jungen Menschen erscheint, eingebunden in die Hochhausbauten der Computer-Hardware –Architekturen und gleichsam aus schwindelnder Informationstiefe zur höchsten Informationshöhe auftaucht, jedoch bildformal im Raster gefangen bleibt.

Ernst Hövelborn WN. Galerie Stihl 2010
 

"Menschenleere Weltenlandschaft, blutest, hast Narben und offene Wunden, verletzte Natur, trägst den Tod im Gesicht"

Birgit Entenmann Ihre neuen Bilder zeigen Räume der Natur, die sich mit der traditionellenTiefenperspektive nicht mehr greifen lassen. Wie auch, wenn sie ob ihrer Fragilität einzubrechen drohen und sich in Ihnen immer wieder Metaphorisches auftut. Ein mahnender Streifzug des Auges über die Oberfläche der Bildertrifft auf Trostlosigkeit, wohin der Mensch geht. Solches kennt man aus den Bildern der Medien, dort jedoch sieht das Auge das Inferno auf Distanz. Ihr gewohntes Arbeiten in Mischtechnik, mit viel blau und grau bezeichnender Weise, fußt auf eingängiger Beschäftigung mit Berichten über den Umgang der Menschen mit der Natur. Hier dann in den Bildern tritt man in das Reich der Tristesse und Melancholie - die in der traditionellen Kunst nobilierte ästhetische Kategorien sind und die eine ganz eigene Schönheit besitzen.

Catharina Wittig MA  2013

 

Die Malerin zeigt in großflächigen Arbeiten menschenleere Weitenlandschaften, die weniger in sattem Braun oder Grün, sondern in einem Grau-blau gehalten sind. Es sind eher trostlose, menschenleere Landschaften. Eindringlich präsentieren die Großformate „Verbranntes Land“ und „Airport“ die Zerstörung und Verletzung der Natur durch Menschen, die trotz ihrer Tristesse den Betrachter nicht abschrecken, eher faszinieren, ihn durch die weite Raumtiefe magisch anziehen. Fahles Licht am Horizont in dichten Wolkenzügen erhellt die Landschaften. Es sind Mahnbilder eines gestörten Verhältnisses zwischen Mensch und Natur.

So gehen die bildnerischen Stilmittel der Künstlerin einher mit einer zeitkritischen, künstlerischen Sicht, wie mit Raum und Natur in unserer Zeit umgegangen wird. In der Tafelmalerei „Vernetzt“ wird Entenmann in ihrer Bild gewordenen Zeitkritik am deut-lichsten. In einem Blau übermalt die Künstlerin Textausschnitte und Bilder aus Zeitungen, und lässt ein riesiges Netz die letzten Fische aus den Tiefen des Meeres herausziehen; zu kleine oder zu große Fische werden wieder als toter Abfall ins Meer geschüttet, klärt uns ein Zeitungsausschnitt auf.

Ist diese Bild heute in seiner Doppeldeutigkeit noch aktueller denn je?

Es werden unglaubliche Mengen von Informationen von den Geheimdiensten durch elektronische Vernetzung im WorldWideWeb abgefischt.

Bei der großen Papierarbeit „Passage“ schreitet in einem grell erleuchteten Fenster einer „Passage“ ein Reisender mit festem Schritt und Gepäck zielsicher vorbei. Im Dunkelblau der Nacht um das Fenster lässt Entenmann ein Schattenbild in die andere Richtung laufen. Ist es eine zurückgelassene Person, von der der Reisende gerade Abschied genommen hat, oder sein Schattenbild, das er als Erinnerung an ihn am Abreiseort hinterlassen hat. Gerade die Mehrdeutigkeit der Bilder läd den Betrachter ein, in seinen Gedanken dort zu verweilen. Eine weitere großartige Qualität der Bilder, die trotz der Gegenständlichkeit den Prinzipien eines offenen Kunstwerkes in der Moderne voll entsprechen.

Franz-Walter Schmidt, Bildungshaus Hägenau 2013

 

Manchmal sind Orte mit Erinnerungen verknüpft, als bliebe etwas von unseren Gedanken und Hoffnungen an Dingen haften, als bräuche die so wenig greifbare Erinnerung einen Ort, an dem man sie aufsuchen kann. Etwas von dieser Flüchtigkeit unseres Lebens ist in den  Architekturbildern von Birgit Entenmann enthalten. Zeit ist etwas Unsichtbares, das durch die Kunst in Erscheinung tritt. Souverän spielt die Künstlerin mit der Spannung von Form und Nicht-Form, von erkennbarem Objekt und seiner Auflösung in die Abstraktion. Bühnengleich sich öffnende, ruinös anmutende Räume zeitgenössischer Architektur bilden das Sujet ihrer Malerei, der Besuch der Architekturbiennale  im vergangenen Jahr war der Impulsgeber des hier ausgestellten Bildzyklus. Sie arbeitete nach vorOrt angefertigten Skizzen, fotografischen Vorlagen und gleichermaßen assoziativ, aus der Erinnerung. Daraus entstanden Gemälde von großer Eindringlichkeit Lebensraum, Time Passenger und Fences and Walls. Ein Atem der Sehnsucht entströmt den kahlen, rohen Innenräumen, den verlassenen Plätzen und beunruhigenden Rampen, über die unbehauste gestalten, zu (verschwindenden) Farbflecken verdichtet, flüchtend irren. Manches ist im Maßstab effektvoll übersteigert. Statt Panoramen aufzuzeigen, zerlegt sie Architektur in visuelle Bruchstücke und entlockt den Bildräumen Momente beunruhigender Schönheit. Metallene  Wände und Bildschluchten schieben sich als dynamische Kurven in die Kompositionenen und machen die Bildorte zu bizarr verlassenen schauplätzen des Dritten Jahrtausends. In der Kopplung von scheinbar nicht Zusammengehörendem werden die Bilder zum Gleichnis der Gegenwart, zum Ort der Ängste, Wünsche, Träume und Verheißungen.

Ricarda Geib M.A.  Stuttgart , 2016

 

Ein fast quadratisches Format zieht mich an. Innere Blue Note Trompetenklänge von Miles Davis rufen: komm näher. Zunächst sehe ich Blau fließen, dann Geometrie und kantige Flächen ins Flüssige eingezogen. Städtebau und menschliche Silhouetten begegnen grafischen Kürzeln, die sich aus dem Dunklen herauslösen oder mit dem Hintergrund in Spiegelflächen verschmelzen. Es gibt Fluchtpunkte und Räume, aber auch manche Brüche im Kontinuum und Rahmen, aus denen Figuren in den nächsten Raum treten wollen. Es herrschen kalte Farben, die überlagernd in horizontalen Farbstreifen aufgebaut werden, die Vielschichtigkeit wird durch Papier verstärkt, das auf den Bildträger Holz collagiert und wieder übermalt wurde. Das aus vielen Farben heraus entwickelte Blau definiert Aggregatszustände von Flüchtigem und Fließendem: Regen, Wolken, See, Meerwasser, Eis. Die Malerin Birgit Entenmann erschafft mit jedem der ausgestellten Bilder einen völlig neuen Bildraum und definiert in diesem kühlen Farbspektrum sehr unterschiedliche Tiefen, Härtegrade und Weichheiten in der Gestaltung. Spannungsreich stellt sie grafische gegen flächige Parts, Helligkeiten gegen Dunkelheit. Gebautes trifft auf elementare Natur, Wolkiges auf Geometrie. Aufschlussreich sind auch ihre Titel; sie heißen: „Troubled Water“, „Eisfeld“ oder „ Virtueller Raum“, in letzterem tauchen binäre Zahlencodes auf und sinken ins Blaue hinein... bei aller sublimen Leichtigkeit bleibt zugleich eine mystische Rätselhaftigkeit bestehen.

Wolfgang Neumann   Waiblingen, 2018